Der Internetforendiskutant

Heute möchte ich Ihnen die hochinteressante Spezies des Internetforendiskutanten vorstellen. Den Homo internetiscus sozusagen. Nachfolgend wollen wir die beiden Begriffe mit IFD bzw. HI abkürzen. Die Blauzungenkrankeit wird schließlich auch folgeunrichtig mit BT abgekürzt.
BZK wäre richtiger. Das ist zwar um einen Buchstaben mehr, aber gleichzeitig (oder heißt es auf Internetchinesisch „zeitgleich“) um einen dummen Anglizismus weniger.
Internetforen sind für viele Menschen die einzige Möglichkeit sich zu artikulieren. Hier kann auch der „Kleine Mann“ seine Meinung sagen – oder das was er dafür hält. Selbstverständlich auch die „Kleine Frau“ um es gendergerecht auszudrücken. Irgendwo muß man ja schließlich seine geistigen Stoffwechselprodukte loswerden können. Was für die Reste der organischen Verdauung das stille Örtchen – auch WC genannt – ist, stellt für den geistigen Abbauprozeß das Internetforum dar.

Es ist eigenartig, daß sich in den meisten Internetforen ähnliche Rituale und Gesetze etabliert haben, die den dort regelmäßig tätigen Diskutanten nachhaltig prägen. Lassen Sie mich einige dieser typischen Verhaltensmuster und liebenswerten Eigenheiten aufzeigen:
Zunächst bevorzugt es der IFD, unter einem Pseudonym aufzutreten. Er schmückt sich gerne mit phantasievollen Bezeichnungen wie Lowlander, Bionix, Aufpasser, Kritikus, Trommler, Oxdrahdium, Dritter Zwerg, Hirnederl usw. Unter dem Schutz dieser Anonymität rempelt er andersdenkende Zeitgenossen hemmungslos an. So weit, so schlecht. Er ist kein Benutzer des Internets sondern ein user und er schreibt nicht, nein – er postet. Schließlich zählt er / sie sich ja zur geistigen Elite. Im Sinne des Gleichbehandlungsgestzes müßten wir eigentlich die bildschönen Konstruktionen „BenutzerInnen“ oder „IntetrnetforendiskutantInnen verwenden. Daß der angesprochene Personenkreis nicht unbedingt seiner Muttersprache mächtig ist, manifestiert sich z. B. auch darin, daß der typische HI nicht weiß wann man „scheinbar“ und wann aber „anscheinend“ gebraucht. Auch der 3. und 4. Fall, so wie Ein- und Mehrzahl bereiten ihm gewisse Schwierigkeiten. Das tut aber seiner / ihrer Wortgewalt keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Mit Seinesgleichen ist der IFD selbstverständlich per „Du“. Man sagt angeblich viel leichter „Du Ignorant“ als „Sie Ignorant“. „Nichtsdestotrotz“ fühlt sich der IFD ob seiner mangelhaften Sprachkenntnisse in „keinster“ weise behindert. Es ist ihm „weitgehendst“ egal.

Für sich reklamiert der HI ständig Toleranz, Demokratie und das Recht auf freie Meinungsäußerung, ist aber absolut nicht bereit seinen Mitmenschen ähnliche Rechte zuzubilligen.
Er postet im Internetforum um seiner Meinung – auch mit Gewalt – zum Durchbruch zu verhelfen. Dieses Diktat hält er dann für Diskussion. Das Drang zu jedem Thema seinen Senf abzusondern, ist bei ihm geradezu pathologisch.

Manchmal äußert er auch Lob um sich als „klasser Bursch“ darzustellen. Er gratuliert oft überschwenglich zu ganz banalen Anlässen. Sollte er zufällig Hundezüchter sein klingt das dann so: „Dear Simon, thank you for breeding such a fantastic dog” – und hält das dann für praktizierte fairness. Zu den besonderen Lieblingen des IFD gehören Obleute und Vereinspräsidenten. Die bekommen von ihm regelmäßig ihr „Fett“ ab.

Die Vor- und Umsicht des ausgefuchsten IFD kommt hingegen dadurch zum Ausdruck, daß er jede präzise Wertung sofort abgeschwächt. Wie das geht? Nun, man setzt vor jede klare Aussage das kleine Wort „relativ“. Es war kein heißer Tag, sondern es war relativ heiß. Das Restaurant ist relativ teuer und der Nachbar relativ dumm. Der normale Mensch würde zur Abwechslung die Ausdrücke „verhältnismäßig“ oder „vergleichsweise“ gebrauchen. Das aber macht der IFD relativ selten bis nie. Schließlich hat er einmal von Einstein gehört, und daß alles auf der Welt relativ ist.
Seine vermeintlichen Feinde und Widersacher, dazu zählen alle die ihm schon einmal widersprochen haben, verfolgt er unbarmherzig und immer haarscharf an Verbalinjurien vorbei oder auch voll in die Ehrenbeleidigung hinein. Es ist ihm relativ unmöglich eine andere Ansicht als seine eigene „nachzuvollziehen“.

Das wichtigste Merkmal des HI aber ist der Gebrauch des Wörtchens „mal“. Selbst rein-rassige Österreicher, die im täglichen Sprachgebrauch und in ihrem normalen Schriftverkehr immer das bodenständige „einmal“ verwenden, rutschen im Internetforum zwangsläufig und zwanghaft in das aus dem Norden importierte „mal“. „Denk doch mal darüber nach“ heißt es oder „Hast Du schon mal eine mäusefangende Kuh gesehen?“
Schauen Sie doch mal „vor Ort“ (um einen Modeausdruck zu verwenden) in beliebig vielen Internetforen nach. Sie werden überall auf dieses untrügliche Merk-mal des HI treffen. Das entspricht nämlich seinem „Diskussions-Management“, um auch diesen Pauschalbegriff aus der Welt des IFD noch schnell unterzubringen.

Wie kann man sich vor dem Internetforendiskutanten oder Homo internetiscus schützen? Nun, man geht ihm einfach aus dem Weg und meidet den „Marktplatz der Eitelkeit“ namens Internetforum. Ohne entsprechende Resonanz sinkt der typische IFD schnell in seine angeborene Bedeutungslosigkeit zurück. Denn stark, mächtig und wortgewaltig fühlt er sich vorzugsweise im Schutze der Anonymität und vor Publikum.

Der Frosch

Wenn einer, der mit Mühe kaum
gekrochen ist auf einen Baum,
schon meint daß er ein Vogel wär` –
so irrt sich der.

(Wilhelm Busch)

´