Eindimensional

Die Landwirtschaft ist Hauptverursacher des Klimawandels. So muß man es immer wieder in diversen Darstellungen lesen. Der WWF veröffentlichte im November 2007 unter dem Titel „Methan und Lachgas – Die vergessenen Klimagase“ eine Studie, der zu folge von der Landwirtschaft weltweit 32 % des Klimaeffektes verursacht wird. Und die Hauptschuldigen sind diese Methan und Lachgas produzierenden Monster, landläufig auch Rinder genannt.  

Die Publikation stützt sich auf Untersuchungen des Agrarexperten Dr. Harald von Witzke, Professor an der Humboldtuniversität in Berlin. Der kommt zu dem Ergebnis, daß die Landwirtschaft mehr Treibhausgase frei setzt als Verkehr und Industrie zusammen.  

Als der Weisheit letzter Schluß wird allen Ernstes eine Emissionssteuer für die Landwirtschaft vorgeschlagen. Na, das ist aber ein „Dicker Hund“, wie man in Berlin so treffend zu sagen pflegt. Diese Ansicht mag ja für den WWF und dessen „Landwirtschaftsexpertin“, Diplom-Geografin Tanja Dräger de Teran, passend sein. Daß sich aber ein renommierter Universitätsprofessor vor den WWF-Karren spannen läßt, ist erstaunlich.
Die Studie wartet mit griffigen Darstellungen auf. So wird vorgerechnet, daß die Methanemission einer Milchkuh, in CO2 –Äquivalenten ausgedrückt, der Fahrleistung von 18.000 km eines Personenkraftwagens entspricht. Bezieht man die Emissionswirkung der Exkremente dieser Kuh, in Form von Methan und Lachgas, mit ein, so sind weitere 6.000 km Fahrleistung hinzuzurechnen. Auch die Pflanzenproduktion bekommt ihr Fett ab. Pro Hektar „gedüngter“ landwirtschaftlicher Nutzfläche werden pro Jahr ca. 1,3 Tonnen CO 2 -Äquivalent an Lachgas emittiert. Das entspricht dem Klimaeffekt eines Personenkraftwagens mit einer jährlichen Fahrleistung von etwa 10.000 km. Abgesehen davon, daß die Angabe über die verabreichte Stickstoffmenge fehlt, ist der Sinn solcher Vergleiche unverständlich. Es sei denn, man will die Landwirtschaft wieder einmal; auf wissenschaftlicher Basis; verbal verprügeln.  

Es sind einige Fragen an die offensichtlich eindimensional denkenden Experten zu stellen:
Sollen wir uns statt von Ackerbau und Viehzucht in Zukunft vom Autofahren ernähren? Woher sollen die Lebensmittel für eine wachsende Weltbevölkerung kommen, wenn wir den Forderungen der Studie folgend – den Rinderbestand reduzieren und die N-Düngung drastisch einschränken? Und schließlich, wer wird die durch eine Emissionssteuer zwangs-läufig höheren Preise für Lebensmittel bezahlen? Negiert wird von der Studie übrigens der Umstand, daß die Rinderhaltung derzeit die einzige Möglichkeit zur landwirtschaftlichen Nutzung von Grünland darstellt und Grünland im alpinen Raum oft die einzig mögliche Kulturart ist.
Es sollen aber auch positive Feststellungen der gegenständlichen Studie aufgezeigt werden. So wird die Freilandhaltung von Rindern als vergleichsweise klimafreundliche Haltungsform gelobt und es wird auf die Vorteile des CULTAN-Verfahrens und der ENTEC-Düngemittel zur verlustarmen, besseren Ausnützung der Stickstoffdüngung hingewiesen, ohne allerdings auf die technische und kommerzielle Umsetzungsmöglichkeiten einzugehen.  

Ansonsten drückt sich die Studie aber an den Notwendigkeiten und Sachzwängen von Ernährungs- und Landwirtschaft praxisfern vorbei. Wie untergriffig und verallgemeinernd der WWF wieder einmal agiert zeigt der Umstand, daß von den 32 % Anteil der Landwirtschaft an klimaschädigenden Emissionen nach Abzug jener aus „Landnutzungsänderung“ – im Klartext Entwaldung durch Brandrodung – nur noch 14 % übrig bleiben. Brandrodung von Urwäldern kommt in Europa allerdings selten vor. Aus der eindrucksvollen „globalen“ Darstellung soll aber die Notwendigkeit einer Emissionssteuer für die europäische Landwirtschaft abgeleitet werden. Eine neue Steuer also, die wir so not-wendig wie Pest und Cholera brauchen.  

Hingegen stellt der ebenfalls im November 2007 vom Deutschen Bauernverband publizierte „Klimareport der Land- und Forstwirtschaft“ die Rolle der Landwirtschaft im Rahme des Klimageschehens realistisch, ausgewogen und mehrdimensional dar. Es wird aufgezeigt, daß die Land- und Forstwirtschaft der einzige Wirtschaftsbereich ist, der durch seine Produktion klimaschädliches Kohlendioxid reduziert und Sauerstoff produziert. In der Darstellung des Deutschen Bauernverbandes wird übrigens auf die Bedeutung von Methan und Lachgas als klimarelevante Treibhausgase keineswegs vergessen. Trotzdem kann, ebenfalls auf wissenschaftliche Untersuchungen gestützt, nachgewiesen werden, daß die Klimabilanz der Land- und Forstwirtschaft, unter Einbeziehung der Rohstoff- und Energieerzeugung, positiv ist.

Damit kein Irrtum aufkommt: Klimaschutz ist eine dringende Notwendigkeit – aber nicht durch systematische Vernichtung der Landwirtschaft. Denn die ist unser aller Lebensbasis. Landwirtschaft gab es – ohne Klimawandel – lange bevor der Mensch Kohle in Dampfkesseln und Kraftwerken bzw. Öl in Motoren und Heizungen zu Wärme, Kraft, Bewegung und CO2 umwandelte. Die Erwärmung der Erdatmosphäre begann nachweislich erst im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung. Wo war denn der Klimaeffekt jener 50 bis 60 Millionen Büffel, die seinerzeit auf den Prärien Nordamerikas weideten, Methan aus dem Pansen emittierten und mit ihren Exkrementen Lachgas freisetzen? Er war schlicht und einfach nicht vorhanden. Der Klimawandel wurde, unter anderem erst, durch die vielen Millionen Kraftfahrzeuge angeheizt. Im Nachhinein die Landwirtschaft als Hauptverantwortlichen für den Klimawandel anzuprangern, ist eine Meisterleistung der Verdrehungskunst. Wer sein Haus neben einer lärmerzeugenden Fabrik baut, hat kein Recht später deren Schließung wegen Lärmbelästigung zu verlangen.

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