Ganzheitlich und langfristig denken

Wer nachhaltig wirtschaften will, muss ganzheitlich und langfristig denken. So selbstverständlich ganzheitliche Denkweise eigentlich sein sollte, so selten ist sie heute in vielen Bereichen anzutreffen.

Sie fehlt leider auch in der Landwirtschaft. Begonnen bei der Agrar-politik bis hin zur praktischen Bewirtschaftung. „Stimmt nicht“, werden die Kritiker vom Dienst sofort schreien. „Stimmt doch“ sage ich und ich kann es beweisen. Im Tohuwabohu der Meinungsvielfalt rund um die erneuerbare Energie, verständlicher ausgedrückt Energie aus agrarischen, nachwachsenden Rohstoffen, wird der Ruf nach der Verwertung ganzer Pflanzen und restloser Verwertung aller Abfälle wie Stroh immer lauter.Wer ganzheitlich denkt weiß, dass durch die Verwertung der ganzen Pflanze oder des Abfallproduktes Stroh dem Boden keine organische Substanz zurückgegeben wird und es daher zu einem – wenn auch langsamen – Humusverzehr kommt.

Der Anbau von Silomais ist ein gutes Beispiel für humuszehrende Bewirtschaftung. Hingegen ist beim Körnermaisbau durch die Rückführung des Maisstrohs die Humusbilanz positiv. Steckt man nun die ganze Energie-pflanze in den Biogas-Konverter, ergibt sich zwangsläufig eine negative Humusbilanz. Silomaisproduktion und Ganzpflanzenverwertung bei der Erzeugung von Energie aus nach-wachsenden Rohstoffen sind daher keine nachhaltigen Vorgänge. Wie steht es in der Grünlandwirtschaft? Da wird ja auch die ganze Pflanze geerntet. Nun in der Weidewirtschaft gibt das Weidevieh dem Boden organische Substanz in Form der ausgeschiedenen Exkremente wenigstens teilweise zurück. Der außerhalb der Weideperiode anfallende Dünger sollte daher schwerpunktmäßig auf die Mähflächen ausgebracht werden. Bei der Heutrocknung fallen unterschiedlich hohe Verluste an Biomasse an. Bodentrocknung bringt die höchsten Verluste, besser ist die Bilanz bei der Gerüsttrocknung. Heubelüftung und Gewinnung von Anwelksilage bringen wohl die geringsten Verluste. Wer denkt aber daran, dass diese Verluste gleichzeitig Humusergänzung für den Boden darstellen? Früher, vor dem 100%-Denken, bestand ein funktionierender Kreislauf.

Natürlich wird man heute die Futterernte so verlustarm wie möglich gestalten. Wie aber kommen die Bodenlebewesen zu ihrer Nahrung und der Boden zur notwendigen Humusergänzung? Eine einfache und wirksame Lösung ist es, den letzten Aufwuchs im Herbst zu mulchen. Wenn aber auch dieser Restauf-wuchs noch genutzt wird um vielleicht eine GVE mehr zu halten damit man in den Genuss einer höheren Prämie kommt, wird auf lange Sicht der Boden auf der Strecke bleiben. „Alles nicht wahr und nicht notwendig“. „Ich mach das alles nicht und mein Boden ist bestens in Ordnung“ höre ich die „modernen“ Landwirte trompeten. Ja, so schaut es kurzfristig aus. Wenn man von einem angenommenen Humusgehalt des Bodens von z. B. 2,80% ausgeht und pro Jahr nur 0,10% Humus abgebaut werden, dauert es theoretisch 28 Jahre bis der Humus restlos verbraucht ist.
In Wirklichkeit wird man allerdings die Verarmung des Bodens schon nach 10 oder 15 Jahren durch Abnahme der natürlichen Bodenfruchtbarkeit deutlich spüren. Ich wählte absichtlich Beispiele aus der Pflanzenproduktion, wohl wissend dass es selbstver-ständlich genügend Parallelfälle in der Tierproduktion gibt. Auch hier werden kausale Zu-sammenhänge einfach geleugnet, negiert oder schöngeredet wenn sie nicht in das Denk-schema des so genanten „modernen“ Landwirtes passen.Wenn es Mancher auch nicht wahrhaben will – Agrarpolitik geht uns alle an.

Vor allem wenn diese, absichtlich oder unabsichtlich, bäuerliche bzw. kleinbäuerliche Strukturen zerstört und die humuszehrende Bewirtschaftung klar bevorzugt. In Österreich ging von 1995 bis 2005 die Anzahl der land- und forstwirtschaftlichen Betriebe um 49.508 oder 20,7% zurück. In der Größenklasse von unter 5 bis 20 ha waren es im obigenZeitraum 48.454 Betriebe oder rund 30%. Unser Herr Lebensminister stellt jedoch angesichts dieser Zahlen ein Bauernsterben in Abrede. Die sich global abzeichnende Lebensmittelkrise ist zum Teil auf derartige Entwicklungen zurückzuführen. Es fehlt das ganzheitliche Denken.

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