Klimawandel – der Sachzwang zur Extensivierung

Einer meiner bäuerlichen Nachbarn gab zum heurigen schneereichen und kalten Winter den treffenden Kommentar ab: „Nicht einmal auf den Klimawandel ist mehr Verlaß.“ Trotzdem, der Klimawandel ist Realität. Klimaforscher zeigen uns an Hand von Modellen, daß es schon in den nächsten 30 Jahren, auch bei uns, um 2 bis 4° C wärmer wird. Im Gebirge soll der Temperaturanstieg besonders hoch ausfallen. Die Anzahl der jährlichen Hitzetage mit Temperaturmaxima von 30° C und mehr, wird deutlich zunehmen und die Sommerniederschläge könnten um 10 bis 25% zurück gehen.  

Diese Entwicklung wird dazu führen, daß unseren Nutzpflanzen auf Acker und Grünland, weniger Wasser zur Verfügung steht. Einerseits auf Grund der geringeren Niederschläge in der Vegetationszeit, andererseits durch die höhere Verdunstung, ausgelöst durch den Temperaturanstieg.
Fehlende natürliche Niederschläge können durch künstliche Bewässerung bzw. Beregnung ersetzt werden – wenn, ja wenn geeignetes Wasser in ausreichender Menge zur Verfügung steht und wenn die Kosten der künstlichen Bewässerung in den Produktpreisen unterzubringen sind. Ersteres ist vielerorts nicht der Fall. Letzteres würde in Notzeiten wohl nur eine untergeordnete Rolle spielen.  

Die Wissenschaft spart auch nicht mit Empfehlungen, wie sich die Landwirtschaft, vor allem der Ackerbau, an den Klimawandel anpassen könne. Der Bogen reicht vom möglichen Vorteil der „CO2 –Düngewirkung“ über die Vorzüge spätreifer und daher ertragreicher Sorten, den „relativ wassersparenden“ C-4-Pflanzen wie Mais und Hirse, trockenresistenten Neuzüchtungen mit absolut geringem Wasserverbrauch, Veränderung der Pflanzzeiten, Aussaatterminen und Fruchtfolge, Verschiebung der Anbauregion wärmeliebender und wärmebedürftiger Kulturpflanzen in höher gelegene bzw. nördlichere Gebiete, bis hin zum Traum von mehreren Ernten pro Jahr. Hier drängt sich sofort die Frage auf, woher denn das Wasser für mehrere Enten pro Jahr kommen soll, wenn es im Zuge der Klimaänderung, nicht einmal mehr für eine Ernte ausreicht?  

Im Grünland gibt es, nach Meinung der Wissenschaft, kaum Anpassungsmöglichkeiten. Eine phantasielose Aussage, die aus der Sicht des praktischen Landwirts stark zu relativieren ist. Die von manchen Klimaforschern angedachte Umwandlung von Grünland in Ackerland auf breiter Basis ist allerdings, aus Gründen der in Grünlandgebieten vorherrschenden Geländegestaltung, meist keine ernstzunehmende Option.
Die sehr allgemeinen und oberflächlichen Empfehlungen sind natürlich im Kern richtig und zutreffend. In der Umsetzbarkeit reduziert sich aber letztlich die ganze Palette der schönen Möglichkeiten auf die Frage des zur Verfügung stehenden Wassers.  

Eine kaum beachtete Möglichkeit der Anpassung besteht jedoch in der Verbesserung des Pflanzenstandortes „Boden“ durch ökologische Bewirtschaftungsmaßnahmen, die auf eine Humusanreicherung im Boden abzielen. Der humusreichere Boden ist nicht nur fruchtbarer, er kann auch mehr Wasser und Nährstoffe speichern. Es ist dies eine höchst einfache, unspektakuläre Maßnahme, die sich in der Trockenlandwirtschaft bestens bewährt hat. Als Nebeneffekt wird durch die Humusbildung CO2 im Boden eingelagert und so die Atmosphäre von diesem Treibhausgas entlastet.
Wenn nun aber alle Möglichkeiten der Anpassung in Form von Standort- und Bodenverbesserung, wassersparende Produktionstechnik, Verwendung neuer, wassersparender Kulturpflanzen usw. ausgeschöpft sind und künstliche Bewässerung – aus welchen Gründen auch immer – nicht möglich ist, bleibt als letzter Ausweg die Extensivierung. Dieser Sachzwang wird schlagend, ob es uns gefällt oder nicht und unabhängig davon, ob von Experten auf nationaler und internationaler Ebene sogar eine Intensivierung der Landwirtschaft verlangt wird. Denn weniger Wasser bedeutet weniger Biomasse – Trockenlandwirtschaft heißt Rückgang der Erträge, im Ackerbau und ganz besonders im Grünland.
Angesichts dieser Fakten ist es müßig von mehreren Ernten pro Jahr oder sonstigen Maßnahmen zur Intensivierung der Landwirtschaft zu träumen.
Um weiterhin einen Betriebserfolg zu erwirtschaften, müssen die in Folge der Extensivierung niedrigeren Erträge durch sparsameren, effizienteren Einsatz aller Betriebsmittel, so wie des Arbeitsaufwandes, kompensiert werden. Vermiedene Aufwendungen erhöhen direkt den Betriebserfolg.  

Diese betriebswirtschaftliche Grundwahrheit scheint viel zu wenig bekannt zu sein. Zumindest wird sie von manchen Experten geflissentlich ignoriert.  

Extensiv wirtschaften heiß also umfassend, konsequent und kompromißlos sparen. Über den Wischiwaschi-Begriff low input tastet sich die Agrarwissenschaft halbherzig an diesen Themenkreis heran. Es entsteht der Eindruck, daß man sich davor scheut, Klartext hinsichtlich Extensivierung und Sparsamkeit zu sprechen. Wozu sonst die englische Tarnung?
Wenn durch das sich verändernde Klima jene Temperatur- und Niederschlagsverhältnisse ein treten, wie sie uns von den Klimaforschern vorausgesagt werden, kommen weite Teile der österreichischen Landwirtschaft an einer mehr oder weniger starken Extensivierung nicht vorbei. Das Dürrejahr 2003 hat dem Osten, Süden und Südosten Österreichs einen Vorgeschmack darauf gegeben. Für alle davon betroffenen Grünlandgebiete ist der Anpassungsweg daher klar vorgezeichnet:  

Extensivierung
  • Fleischrinder statt Milchvieh
  • Robustrinder statt Intensivrassen
  • Schafe und Ziegen statt Rinder
  • Freilandhaltung aller Nutztiere
  • Bildung von Weidegemeinschaften zu Darstellung großer Extensivweideflächen
  • Reaktivierung und Rückgewinnung von nicht mehr genutztem Grünland
  • Umbau der jetzigen Grünland-Pflanzengesellschaft auf trockenheitsverträgliche Gräser und Kräuter, wenn vorhanden mit Neuzüchtungen
  • Ausweichen auf Permakulturen mit niedrigem Wasserbedarf (Obst, Wein, Beeren)
  • Extrem sparsame Bewirtschaftung.
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