Natürliche Selektion

Der Begriff „natürliche Selektion“ geht auf Charles Darwin (1809 – 1882) zurück. Man versteht darunter den natürlichen Fortpflanzungs-Ausschluß von Individuen auf Grund negativer Merkmale oder Eigenschaften. Im Allgemeinen handelt es sich dabei um eine verminderte oder fehlende Lebenstüchtigkeit. Bei Wildtieren kann aber sogar schon eine abnormale Farbvariante zum Ausschluß von der Fortpflanzung führen. Ein weißer Hase wird in unseren Breiten, mangels Tarnfarbe, sehr schnell Opfer seiner natürlichen Feinde. Im Gebirge oder am Polarkreis hat der Schneehase dank, seiner weißen Tarnfarbe, jedoch gute Überlebens chancen und er kann seine Eigenschaften weiter vererben.

In der freien Natur werden Individuen mit verminderter Lebenstüchtigkeit – Neudeutsch lautet der Sammelbegriff für diese Eigenschaften Fitneß – erbarmungslos ausgemerzt. Das betreffende Individuum geht ex und kann seine negativen Erbanlagen nicht weiter geben.
Die Natur sorgt also selbst dafür, daß die Populationen lebenstüchtig und gesund bleiben. Die wild lebenden Vorfahren unserer Haustiere unterlagen dieser strengen Auslese ebenso wie die heute lebenden Wildtiere. Ja, selbst nach der Domestikation konnte die natürliche Selektion bei den vorerst primitiven Haltungsformen weiter ihre volle Wirkung entfalten.

Unter den heutigen Haltungsformen tritt bei den Haustieren die zielgerichtete Zuchtwahl durch den Menschen an die Stelle der natürlichen Auslese. Dabei steht aber nicht immer die Auswahl nach den Merkmalen der Lebenstüchtigkeit im Vordergrund. Vielfach erfolgt die Zuchtwahl hauptsächlich nach den angestrebten Leistungskriterien. Vor allem bei Hobby-Züchtern, aber nicht nur bei diesen, ist die „Zuchtwahl“ außerdem noch stark emotional betont. Das eingeschränkt lebenstüchtige bzw. lebensuntüchtige „Hündchen“, „Lämmchen“ oder „Kälbchen“ muß – koste was es wolle – gerettet werden. Und das kann oft sehr viel kosten. Tierarzt, Medikamente Zukaufmilch, Milchaustauscher und zusätzlicher Betreuungs-aufwand übersteigen schon bald den realen oder ideellen Wert des betreffenden Tieres. Nun, vielleicht überlebt das Hascherl sogar und erhält die Möglichkeit seine negativen Gene ungehindert an die Nachkommen weiter zu geben. Auf diesem Wege kann es zu einer Kumulation der unerwünschten, negativen Eigenschaften kommen.

Für jeden, der Fleischrinderzucht in Form der Mutterkuhhaltung betreibt, ist ein verlorenes Kalb selbstverständlich um eines zu viel. Und jede Kuh die, wegen vielleicht nur geringfügiger Mängel, aus der Herde entfernt werden muß, stellt einen wirtschaftlichen Verlust dar. Trotzdem ist es gerade in der Fleischrinderzucht und der Mutterkuhhaltung notwendig, ähnlich streng und konsequent vorzugehen wie die Natur dies tut. Wenn eine Kuh z. B. bei zwei oder mehreren Abkalbungen dem Kalb das Saugen verweigert oder nur bedingt zuläßt, ist sie aus der Herde zu entfernen. Das gleiche gilt für jede Art von Geburtsschwierigkeiten, mögen sie auch nur geringfügiger Natur sein. Eine gute Mutterkuhherde muß, aus ökonomischen Gründen, zu 100% aus problemlosen Tieren bestehen. Dabei ist es unerheblich um welche Rasse und um welche Stückzahl es sich handelt. In dieser Hinsicht sind Kompromisse fehl am Platz. Problemtiere sind ohne Rücksicht auf Leistung, Abstammung, „Blutlinie“, Schauerfolg, Schönheit oder sonstige Werte, von der Weiterzucht auszuschließen.

Schon die Aufzucht eines mutterlosen oder nicht angenommenen Kalbes mit der Flasche, stellt ein teueres Zugeständnis dar, das man sich sehr gut überlegen sollte. Da die Hochleistungszucht zu Gesundheitsproblemen, Verhaltensstörungen und einem Rückgang der genetischen Vielfalt führen kann, kommt der strengen Selektion in diesem Bereich ganz besondere Bedeutung zu. Je mehr auf Leistung oder einseitig auf Form gezüchtet wird, um so strenger sollten die Auslesekriterien sein. Übrigens, je natürlicher die Haltungsform, um so eher kann die natürliche Auslese bei Nutztieren auch heute noch greifen.

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