Gedanken über die Zukunft der Bauern…

… und des Landes  anlässlich der Generalversammlung der steirischen  Hochlandrinderzüchter am 10. Mai 2014 in der Bergerhube im Triebental.

Die Zukunft des Landes hängt davon ab, ob es am Land Menschen gibt die was tun, die verändern, die gestalten und die Widerstand leisten gegen die Aushöhlung, den Ausverkauf des Landes, das Land braucht Menschen die Freude am Gestalten haben. An den Hochlandrinderzüchtern hat mir schon am Anfang gefallen, dass nicht gejammert wurde, sondern versucht wurde neue Wege zu gehen (Bio-Landbau, Weiterverarbeitung und Direktvermarktung) und versucht wurde neue Verbündete zu gewinnen (Städter, Konsumenten, Wissenschaftler) und diese Strategie des Zusammenwirkens finde ich zeitlos, sie ist heute aktuell und wird auch zukünftig notwendig sein.  

Der Zottl - Hochlandrinderzüchter

Es gehört zum Wesen des Menschen einen Sinn in seiner Existenz zu finden und viele finden im Gestalten, im Verändern, im Widerstand leisten den zentralen Sinn ihres Lebens, so gesehen ist „gestalten dürfen“ Selbstverwirklichung – ich habe lange gebraucht bis ich den Leitspruch meines verstorbenen Freundes Franz Zellnig verstanden habe, der lautete: „dürfen – nicht müssen“ – „gestalten dürfen als Gnade“ und nicht: „gestalten müssen als Last“ Gestalten dürfen: sein Leben den Hof das Dorf die Region das Land die Welt .

Die Zukunft des Landes wird von den Rechten, Freiräumen und der Lebenssituation der Frau, vor allem der jungen Frau mit Kindern, abhängen. Schaut genau hin; aus welchen Regionen ist die Abwanderung am stärksten, nicht dort wo es keine außerlandwirtschaftlichen Arbeitsplätze gibt, sondern dort wo die soziale Infrastruktur den Frauen mit Kindern ein menschenwürdiges Leben nicht ermöglicht. So gesehen entscheidet die Situation der Frauen über die Zukunft des Landes.

Für die Zukunft des Landes wird auch ganz entscheidend sein, in welchen Ausmaß es gelingt den Zugang zu Land, zur Bewirtschaftung des Landes für jene Menschen aus der Stadt zu öffnen die das Land bewirtschaften und beleben wollen. Dazu ist es notwendig, das Land, den Boden von der kapitalistischen Verwertungslogik zu befreien, wenn dies nicht gelingt sind die neuen Landbesitzer: die Grundstückspekulanten, die Großgrundbesitzer, die Güterschlächter (heute nennt man/frau dies Filetieren von Unternehmen), die Bauunternehmer, die Holzhändler, die Zahnärzte, die ehemaligen Minister usw. und es stirbt das Land, es stirbt das vielfältige Leben am Land. Hier sind neue Ideen, neue Konzepte, neue Versuche und viele Innovationen notwendig. 

Der Zottl - Hochlandrinderzüchter

Prof. Dr. Josef Krammer, Jahrgang 1945, ist auf einem weststeirischen Bergbauernhof aufgewachsen. Nach dem Studium der Politikwissenschaft in Wien war er Assistent am Institut für Höhere Studien. Von 1979 bis 2007 leitete er die Bundesanstalt für Bergbauernfragen und lehrte zeitgleich an der Universität für Bodenkultur in Wien.

Es wird in Zukunft ein Netzwerk von „Hofabgebenden“ und „Hofsuchenden“ aufgebaut werden müssen um die große Kluft zwischen „Landbesitzenden“ und „Landlosen“ zu überbrücken. Neue Formen des sozialen Lebens am Land werden von diesen landsuchenden Menschen ausgehen, auch hier gibt es schon Ansätze: „Wirtschaftsgemeinschaften“, „Hofkollektive“, „Weiberhöfe“, „Beginenhöfe“, “Jogahöfe“ usw. 

Dies alles mag utopisch klingen, aber der Verzicht auf utopisches Denken dogmatisiert und festigt, ja zementiert, den herrschenden Zustand. In den, zum Teil Jahrhundert alten Utopien der Menschheit sind zu viele brauchbare Entwürfe für Lösungen unserer Probleme enthalten, als dass man/frau leichtfertig darauf verzichten kann. Oscar Wilde hat sinngemäß einmal geschrieben: „Eine Weltkarte auf der das Land Utopia nicht darauf ist, ist nicht wert das man/frau darauf schaut, denn Utopia ist jenes ferne Land an dessen Küste die Menschen immer landen werden wollen“. Aber der rücksichtslose Versuch eine Utopie zu verwirklichen zerstört die Welt genauso wie der Verzicht auf Veränderung. Wir leben in einer polaren Welt in der zwei Gefahren die Welt bedrohen: „die Ordnung“ und die „Unordnung“; „utopisches Denken“ und „der Verzicht auf utopisches Denken“ das heißt zum Überleben braucht die Menschheit beides: „Ordnung“ und „Unordnung“; „utopisches Denken“ und „realistisches Denken“.  

Was sind nun die Kräfte die Veränderung bewirken und wird es diese Kräfte auch in Zukunft geben?

Ich bin sicher, dass die uns nachfolgenden Generationen von jener positiven, auf Veränderung drängende Unzufriedenheit, die uns Jungen vor 45 Jahre eigen war, erfasst werden wird und diese Unzufriedenheit wird wieder Veränderungen bringen – wir stehen am Ende einer Zeitepoche, aber nicht am Ende der Geschichte – die Unzufriedenheit kommender Generationen wird ein „Fortschreiten“ in der Geschichte – und ich sage hier ganz bewusst das mittlerweile verpönte Wort „Fortschritt“ in der Geschichte ermöglichen – ich vertraue auf die Dialektik der Geschichte – nichts bleibt wie es ist.  

Es war in der Geschichte immer so: die Zeitwende wurde vorbereitet, manchmal wurde sie auch erkämpft und mit der neuen Zeit kam ein Aufbruch, denkt an die russische Revolution, was war dies für eine Aufbruchszeit, welche Begeisterung erfasste die Menschen und dann wurde der Aufbruch zu Stein, zu Lagern, zu Leid als man/frau versuchte den Aufbruch, die Veränderung fest zu halten, daraus hat Mao gelernt und die permanente Revolution, die „Kulturrevolution“ eingeführt und was kam dabei heraus? Eine der größten Kulturvernichtungen aller Zeiten. So geht es eben nicht – Es geht eben nur, indem Bewährtes durch permanente Weiterentwicklung bewahrt wird. Alle historischen Kulturen und Gesellschaften die sich nicht aus ihrem Ursprung, ihrer Wurzel, ihrer Quelle weiterentwickelt haben sind rasch zu Grunde gegangen. „Wird die Wurzel abgeschnitten verdorrt der schönste Baum“. Es ist wie mit der Quelle, dem Strom und das Meer: Wenn du die Quelle versiegen lässt, trocknet der Bach und der Strom aus und das Meer versalzt und wird lebensfeindlich. Nur durch das frische Quellwasser bleibt das Meer, das Meer …

Mai, 2014

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