The day after … Assoziationen nach einer erfolgreichen Schau

Ich sitze mit Picasso auf seiner Wiese. Er grast zufrieden mitten unter seinen Kuhfrauen und Kindern, und ich spüre eine große Dankbarkeit in mir.  
Sie gehört zum einen Picasso und sie taucht auf, wenn ich die Bilder des vergangenen Wochenendes an mir vorbeiziehen lasse: die Abfahrt zur Fleischrinderausstellung auf der Rieder Herbstmesse, wo wir um 5 Uhr in der Früh unseren viereinhalb Jahre alten Bullen in den Hänger verladen. Es ist noch finster, als ich um halbfünf auf die Weide gehe. Er liegt mitten in der Herde. Ich spreche ihn an und meine, dass es nun so weit sei, auf die Reise zu gehen. Ohne Gezeter lässt er sich das Halfter umlegen. Als dann Resi und Karl Buchmaier um 5 kommen, führen wir ihn auf den Hänger, wo er noch ganz verschlafen sich anbinden läßt.  

Ich weiß, dass für Picasso das Fahren nichts Fremdes ist. So verläuft die Zeit bis zur Ankunft in Ried ohne Anspannung. Kurz vor Ried beginne ich meine Unsicherheit zu spüren. Wie wird das sein, so mitten unter fremden Bullen und im Wirbel des Messegeländes den Stier zu führen.
Picasso nimmt das ganz gelassen auf. Beim Eingang zum Stall gönnt er sich eine kurze Pause, lässt sich dann aber bereitwillig zu seinem Stand führen und anhängen. Jetzt gönne ich mir einen Blick in die Runde. Wir haben einen sehr schönen Standplatz in der Nähe des Eingangs, links und rechts von ihm stehen die anderen Highlanderbullen, die er konkurrierend „anknurrt“. Doch die Rast ist nur kurz. Auf geht es zur Wiegekontrolle. Wir sind schon gespannt, welches Gewicht Picasso auf die Waage bringen wird. 940 kg – nicht schlecht .  

Zurück am Stand beginnt nun die Schönheitspflege. Unter fachkundiger Anleitung von Resi wird Picasso nun für seinen Auftritt vorbereitet – gewaschen, gestriegelt. Er genießt es sichtlich, so im Zentrum der Aufmerksamkeit und Zuwendung zu stehen. Es kommen auch bereits die ersten Besucher, die interessiert unserem Treiben zuschauen. Respektvoll schauen sie auf die mächtigen Hörner der Highlander und warten gespannt, wie es denn sein wird, mit ihnen hinaus in den Ring gehen. Ich spüre, wie mein Puls sich beschleunigt, als der Aufruf für die Highlander kommt. Ich schaue auf die anderen, auch sie sind sehr ernst und konzentriert. Werden unsere Tiere ruhig durch die große Menge der Zuschauer durchgehen, die eher sorglos sich ihnen in den Weg stellen. Es geht alles gut. Mit geradezu stoischer Ruhe macht Picasso seinen Weg hinaus in den Ring. Ich nehme nur mehr das Geschehen im Ring wahr, die Zuschauer sind vergessen. Besonderes Augenmerk habe ich die ganze Zeit darauf, auf die kritische Distanz zwischen den einzelnen Bullen zu achten – nicht zu nahe zu kommen, aber auch nicht zu isoliert zu stehen und zu gehen. Zum Glück ist der Ring sehr groß und das ist kein Problem.  

Die Hochlandrinder sind die ersten des Tages für das Schaurichten, und so findet auch die Begrüßung der Zuschauer statt, während wir unsere Runden ziehen. Für die Zuschauer ein beeindruckendes Bild, für mich aber eine Zeit intensiver Anspannung, die sich natürlich steigert, als das Preisrichten seine Anfang nimmt. Wen wird der Richter an die erste Stelle setzen. Natürlich wünscht sich jeder von uns, als Erster vom Platz zu gehen. Der Richter entscheidet sich für Picassos Namensvetter mit „k“ . Nach einem kurzen Moment von „schade“ in mir steigt die Spannung sofort wieder an. Ich sehe auf den Richter, er geht auf Picasso zu und in mir entsteht die Gewissheit, er wird nun unseren Picasso zum Reservesieger wählen. Mit sehr wertschätzenden Worten beschreibt er unseren Bullen und stellt ihn auf den zweiten Platz. Die Freude in mir ist groß. Picasso steht die ganze Zeit ganz gelassen neben mir, geführt am Halfter, und nimmt seine Siegerplakette mit „coolem Selbstverständnis“ an. Zurück im Stall, werden wir von unseren Freunden freudig erwartet, alle sind stolz auf Picasso.

The day after… Assoziationen nach einer erfolgreichen Schau   The day after… Assoziationen nach einer erfolgreichen Schau   The day after… Assoziationen nach einer erfolgreichen Schau   The day after… Assoziationen nach einer erfolgreichen Schau

Das was sich hier bei der Schau mit einer scheinbaren Selbstverständlichkeit zeigt, hat aber eine lange Vorgeschichte. Sie hat lange vor der Schau begonnen. Es ist eine Geschichte von vielen Stunden Beziehungsarbeit, die nicht erst begonnen hat, als Picasso auf unseren Hof kam. Bei Resi und Karl Buchmaier hat er gelernt, dass es Spaß macht, „an der Leine spazieren zu gehen“. Nicht selten konnte man Karl mit dem kleinen Picasso ausmarschieren sehen, wenn die Enkelkinder vom Kindergartenbus abgeholt wurden. Und er hat auch bereits Schauerfahrung und einen Siegerpokal mitgebracht, als er zu uns kam. Auf so einem Fundament an vertrauensvoller Mensch-Tier-Beziehung ist leicht aufbauen.  

Seine Gutmütigkeit und Verlässlichkeit beeindrucken mich immer wieder, wobei ich nicht außer acht lasse, dass er ein mächtiger „testosterongesteuerter „ Bulle ist, dessen Kraft mir bewusst ist. Das was mich auf der Schau so beeindruckt hat, war sein Vertrauen in mich, mir dorthin zu folgen, wohin ich mit ihm gehe. Und das trotz Lärm und vieler Menschen.
Für mich war es eine große Beruhigung Karl „in meinem und Picassos Rücken“ zu wissen. Sollte etwas Unvorhergesehenes passieren, so wusste ich, dass ihm als Schauerfahrenen schon das Richtige einfallen würde.
Nach der Schau erfolgte noch in Ried die Nachkörung – und hier hat Picasso die Einstufung 1b erhalten, eine für uns schon sehr besondere Bewertung.
Es ist schön, mit so viel Wertvollem von einer Schau heimzufahren. Sich zu zeigen, sich der Konkurrenz zu stellen, ist immer mit hohen Emotionen verbunden. Die Gefahr des Sich-Abgewertet-Fühlens ist sehr nahe. Da kann es leicht passieren, dass viel Wertvolles, das neben dem „Bewertet-werden“ sich auftut, in den Schatten gerückt wird, nämlich die Beziehungsgeschenke, die von Tier und Mensch kommen. Da ist das Vertrauen und die Verlässlichkeit des Stieres. Da sind die Angehörigen und Freunde, die mitfahren, die mitzittern und sich mitfreuen. Das sind alles keine Selbstverständlichkeiten.   Wenn ich so nun mit Picasso auf der Wiese sitze und über das Erlebte nachdenke, dann sind es eben gerade diese Beziehungsgeschenke, die in mir ein warmes Gefühl der Dankbarkeit auslösen.

Verfasserin: Dr. Helga Krückl
Hochlandrinderzüchterin, Psychotherapeutin, Psychologin
P: 22.9.2009

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