Welche Rolle spielt das Schottische Hochlandrind im 21. Jahrhundert?

Überlegungen und persönliche Ansichten Vorgetragen auf dem 3. Internationalen Züchtertreffen der Highland-Cattle-Züchter
Glasgow, 29.September 2010
Von Stephan Janz  

Meine Damen und Herren, liebe Züchterkollegen aus der ganzen Welt,  

die Frage, „Welche Rolle spielt das Schottische Hochlandrind im 21. Jahrhundert?“ ist eine merkwürdige Frage und das wird vielleicht etwas offensichtlicher, wenn wir anstelle von Schottischem Hochlandrind Angus, Simmental oder Charolais einsetzen. Wenn man diese Frage einer Versammlung von Anguszüchtern vorlegte, dann wäre man nach einem etwas verständnislosen Achselzucken und der bündigen Antwort „Fleischproduktion, was sonst!“ ganz schnell beim nächsten Punkt auf der Tagesordnung. Wir könnten die Frage noch ein wenig abändern und dann wird es offensichtlich, warum die Frage nicht nur irgendwie merkwürdig ist: „Welche Rolle spielt das schwere Kaltblutpferd als Zugtier im 21. Jahrhundert?“ oder „Welche Rolle spielt der Husky als Schlittenhund im 21. Jahrhundert?“. Wir werden alle das unbehagliche Gefühl nicht los, dass die Frage, wenn man sie ernst nimmt, eine bange Frage ist und die Frage heißt: „Hat das Schottische Hochlandrind im 21. Jahrhundert tatsächlich noch eine sinnvolle Rolle zu spielen?“.

Ich weiß nicht, wie die Frage gemeint ist, aber ich werde sie als die ernsthafte Frage nehmen, die ich mir selber so oft gestellt habe in den vergangenen zwanzig Jahren und um zu einer ernsthaften Antwort zu kommen möchte ich Sie bitten, gemeinsam mit mir einen Blick auf die Rasse Highland und ihre heutige Situation zu werfen. Ich möchte diesen Blick auf die Rasse Highland nicht vom Standpunkt des Fleischmarktes tun und auch nicht vom Standpunkt des einzelnen Züchters oder dem des Geschäftsführers der Highland Cattle Society.

Dr. Stephan Janz

Dr. Stephan Janz züchtet seit 1987 Hochlandrinder. Er orientiert sich bei der Zucht stark im Mutterland der Rasse. Er bemüht sich, vom Erfahrungsschatz der „alten Hasen“ in Schottland zu lernen. Das Auge zu schulen an den alten Herden, die zum Teil seit Generationen in Familienbesitz sind.
Seine bemerkenswerten Publikationen zum Thema Highland Cattle sind auf der Homepage www.highlandcattle-jiggel.de
nachzulesen.

Auch der Gesichtspunkt der herdbuchmäßigen Reinzucht soll uns heute nicht interessieren – wir hatten lange Debatten hierüber bei dem 1. Internationalen Treffen in Edinburgh vor 15 Jahren. Was ich mit Ihnen betrachten möchte ist, was die Rasse im Inneren, im Wesentlichen ausmacht, worin ihre Besonderheit gegenüber anderen Rassen besteht, worin, wenn Sie so wollen, unter diesem Gesichtspunkt ihre besondere Daseinsberechtigung im 21. Jahrhundert besteht.    

„Der Wert der Rasse Highland besteht in ihrer Robustheit“

Darüber, was die wesentliche Besonderheit der Rasse Highland ausmacht, worin ihr grundlegender Unterschied zu anderen Rinderrassen besteht, scheint es, erstaunlicherweise, in der Züchterschaft keine Kontroverse zu geben. Man liest es in Büchern und Journalen, auf Werbeblättern und Websites und wir Züchter werden nicht müde, es zu wiederholen: Highland Cattle sind die robustesten Rinder und gedeihen unter den härtesten Bedingungen, unter denen andere Rinderrassen kaum überleben könnten. Diese Überzeugung konstituiert so etwas wie die gemeinsame Vereinsidentität der weltweiten Züchterschaft und schon vor 200 Jahren hat William Youatt, der seinerzeit ein Standardwerk über die britischen Rinderrassen schrieb festgestellt: „Der Wert der West-Highland Cattle besteht darin, dass sie robust und leichtfuttrig sind, dass sie auf den rauesten Weiden leben und gedeihen…“ weil „ … sie an Boden und Klima angepasst sind“ und er beruft sich dabei auf „…die Überzeugung der hebridischen Bauern, dass auf diesen Inseln keine andere Rinderrasse gedeiht“.  

Robustheit, …

Ich möchte etwas näher erläutern, was in diesem Zusammenhang unter „Robustheit“ zu verstehen ist: es ist die Fähigkeit, Regen und Wind auszuhalten und das bei niedrigen Temperaturen; es ist die Fähigkeit, lange Zeiten extremen Futtermangels zu überstehen und die Fähigkeit zu rascher Erholung und zu kompensatorischem Wachstum; es ist die Fähigkeit mit einer nur kurzen Vegetationsperiode zurecht zu kommen und die überlegene Fähigkeit große Mengen minderwertigen Raufutters aufzunehmen und umzusetzen. Viele Rinderrassen werden gerühmt für Vorzüge wie Fruchtbarkeit, Leichtkalbigkeit, Mütterlichkeit, Langlebigkeit, Fleischqualität etc. und unter ordentlichen Haltungsbedingungen wird das in den meisten Fällen auch zutreffen. Das Besondere an Highland Cattle war dagegen schon immer, dass sie alle diese Vorzüge auch unter den armseligsten und schwierigsten Bedingungen, was Klima und Boden, Futter und Haltung angeht aufweisen und das ist es, was wir als Robustheit bezeichnen. Rinder anderer Rassen geben mehr Milch, sie wachsen schneller, reifen früher, werden größer und schwerer und produzieren mehr Fleisch. Der ganz besondere Vorzug, den Highland Cattle demgegenüber haben, die besondere Spezialität, die ihren Unterschied zu den anderen Rassen ausmacht, ist ihre einzigartige Robustheit.

Das behaupten wir.

Wir behaupten – und darüber besteht Einigkeit unter Highland-Züchtern – dass die wesentliche Besonderheit unserer Rasse ihre Robustheit ist. Und Logik und gesunder Menschenverstand sollten erwarten lassen, dass diese Robustheit das erste und vornehmste züchterische Anliegen in Highland-Kreisen weltweit ist.  

… die gefährdete Kernkompetenz

Ich fürchte, das ist nicht der Fall. Meine Sorge und der Kernpunkt meiner Ausführungen heute ist, dass für die große Mehrheit der Highland Cattle weltweit all die Selektionsmechanismen, die die Rasse Jahrhunderte lang geformt haben und zu dieser einzigartig robusten Rinderrasse gemacht haben nicht mehr am Werk sind. Und darüber hinaus: die meisten unserer modernen züchterischen Perspektiven, unserer Ambitionen, unserer züchterischen Entscheidungen und unser gesamtes Haltungsmanagement, all dies läuft den ursprünglichen Evolutionsmechanismen unserer Rasse diametral zuwider. Und meine Behauptung ist, dass dies unmöglich spurlos an der genetischen Substanz, am inneren Kern der Rasse vorbeigegangen sein kann und weiter vorbei geht.  

Auch andere Züchter haben sich hierüber besorgt geäußert. Don Badger, ein kanadischer Züchter, den viele von Ihnen kennen werden, hat einmal geschrieben, er habe den Verdacht, dass die Rassemerkmale der heutigen Highland Cattle sich erheblich unterscheiden von denen, die sich in der Zeit herausgebildet haben, als Highland Cattle vor über zweihundert Jahren noch der hauptsächliche Reichtum und Handelsartikel der schottischen Berge und Inseln waren. Und vor über zwanzig Jahren hat Gordon „Crop“ Kohl, der große alte Mann der kanadischen Highland-Zucht zu den Mitgliedern der amerikanischen Highland Cattle Association gesprochen und zwischen den Zeilen seiner optimistischen Worte spürt man etwas von derselben Sorge um die genetische Integrität der Rasse. „Crop“ Kohl sagte: „Es amüsiert mich immer etwas, wie jede Fleischrinderrasse sich mit Eigenschaften brüstet wie Leichtkalbigkeit, gute Mutterinstinkte, Milchreichtum, Robustheit, Fruchtbarkeit, Langlebigkeit, Fügsamkeit. Es amüsiert mich, weil diese Rassen so weit entfernt sind von ihren einheimischen Vorfahren. Und je weiter entfern sie sind von diesen, umso schwächer werden die ursprünglichen robusten Merkmale.“ Was G. Kohl hier nicht sagt, ist, dass genau dies natürlich auch auf Highland Cattle zutrifft. Er fährt fort: „Im Gegensatz dazu mussten Highgland Cattle unter den widrigsten Umständen überleben und gedeihen. Wir Menschen in unserer großen Weisheit haben bis jetzt an ihrem genetischen Bündel noch nicht ernsthaft herumgefummelt. Und deshalb treten bei unserer Rasse alle diese ursprünglichen robusten Merkmale so stark hervor und wir können das ohne die kleinste Spur einer Lüge behaupten. Obwohl Highland Cattle keiner gefährdeten Rasse angehören, so stehen sie doch auf der Beobachtungsliste der seltenen Rassen. Das heißt, die Population ist relativ klein und das bedeutet, dass wir uns jedem Tier mit züchterischer Zurückhaltung nähern sollten. Eine falsche Bewegung schlägt in einem kleinen Becken große Wellen.“  

Wie gesagt, dies sind optimistische Worte, aber sie sind als Warnung gemeint, „falsche Bewegungen in einem kleinen Becken“ zu machen. Ich teile den Optimismus nicht ganz. Ich fürchte, dass bereits zu viele „falsche Bewegungen“ geschehen sind und ich bin mir durchaus nicht sicher, dass das „genetische Bündel“, von dem G. Kohl spricht, noch ganz das ist, was es einmal war.  

Lassen Sie mich erläutern, welche „falschen Bewegungen“ ich im Sinne habe  

„Falsche Bewegungen“

I. Historischer Fortschritt / Tierschutz
Die erste und offensichtlichste „falsche Bewegung“ –falsch im Hinblick auf die Entwicklung und Bewahrung der alten robusten Merkmale unserer Rasse – war der historische Fortschritt, die Veränderungen in gesellschaftlicher Infrastruktur und Landwirtschaft, die die letzten zwei Jahrhunderte mit sich brachten. Diese Veränderungen haben den Selektionsdruck, der besondere Überlebenskünste erzwang, weitgehend außer Kraft gesetzt.  

In der Zeit, die Don Badger als die „Phase der Notwendigkeit“ bezeichnet, die Zeit zu der Highland Cattle das wesentlichste Produkt der schottischen Inseln und Highlands waren, wurden die Tiere selektiert, oder, wie D. Badger sagt, „selektierten sich selbst danach, dass sie härteste Bedingungen überleben konnten“. Das Hauptproblem dabei war Verhungern, Futtermangel im Winter. Aus nahe liegenden Gründer ist dieser Härtetest und Selektionsmechanismus heute außer Kraft gesetzt.  

Die Fähigkeit Zeiten extremen Mangels zu überstehen hat damit zu tun, dass eine Highland-Kuh ein relativ kleines Tier ist und mit ihrer Fähigkeit, in Zeiten des Überschusses Fettreserven zu bilden. Züchterische Bemühungen um größere Tiere und um einen fettarmen Schlachtkörper sind diesem Aspekt der Robustheit nicht förderlich.  

Die Fähigkeit der Highland-Kuh zu überleben und zu gedeihen hat damit zu tun, dass sie anderen Rassen überlegen ist in der Nutzung minderwertigen Raufutters – ich betone „minderwertig“. Dies ist möglicherweise eines der bedeutsamsten Rassemerkmale überhaupt. Demgegenüber ähneln die vergleichsweise üppigen Futterbedingungen, die wir unseren Tieren heute bieten eher den Bedingungen, unter denen Highland Cattle dereinst nach ihrem langen Marsch in den Süden Englands vor dem Schlachten aufgemästet wurden, als den Bedingungen, unter denen sie gezüchtet und aufgezogen wurden. Mithin werden also die meisten unserer heutigen Highland Cattle nicht mehr diesem tag-täglichen Futterkonversionstest unterzogen.  

Die Fähigkeit der Highland-Kuh, nach Zeiten extremen Mangels wieder aufzunehmen hat zu tun mit ihrer Fähigkeit, sich in guten Zeiten rasch zu erholen und mit ausgeprägten Fähigkeit der Rasse zu kompensatorischem Wachstum. Heute dagegen herrschen jahrein jahraus gute Zeiten und so steht auch dieser Selektionsmechanismus nicht mehr auf dem Prüfstand.  

Die Fähigkeit zu überleben hat zu tun mit der Fähigkeit, mit lokalen Mineralstoffmängeln zurecht zu kommen und mit Parasiten zu koexistieren. Heute bekommen die Tiere Salze, Mineralien, Parasitenbehandlungen.  

Heute überleben die meisten schwachen Kälber, die nicht aufstehen und saugen, mit unserer Hilfe und werden Zuchttiere. Heute bekommen viele unfunktionale Kühe, die schwer aufnehmen, die Geburtsprobleme haben, die ihr Kalb nicht annehmen eine zweite und eine dritte Chance und bleiben in der Herde ebenso wie ihre Nachzucht.  

Im Vergleich zu den alten Zeiten leben die Highland Cattle unserer Tage in paradiesischen Verhältnissen und der Selektionsdruck in Richtung auf Härte, Robustheit und Überlebensfähigkeit ist verschwunden.  

Ich bin immer noch bei den „falschen Bewegungen in einem kleinen Becken“ und dies waren die „falschen Bewegungen“, die die dramatischen historischen Veränderungen in der Landwirtschaft mit sich gebracht haben, in Schottland, wie im Rest der Welt, unvermeidliche „falsche Bewegungen“ kann man sagen, wir wollen und können ja das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen, „falsche Bewegungen“ gleichwohl.  

Es gibt weitere „falsche Bewegungen“, die ich ansprechen möchte um Ihnen meine Besorgnis um die genetische Integrität der Rasse Highland verständlich zu machen.  

II. Der Exodus aus Schottland
Ein sehr bedeutsamer Umstand ist der Exodus der Highland Cattle aus Schottland. Der weitaus größte Teil der weltweiten Highland-Population lebt heute in vielen verschiedenen Teilen der Erde, wo ihre ganz besonderen Fähigkeiten gar nicht erforderlich sind und abgerufen werden und wo viele andere Rinderrassen ebenso gute und in den meisten Fällen bessere Leistungen erbringen. Nebenbei bemerkt: dieser Exodus wurde ( und wird) von den Zuchtgesellschaften begrüßt und gefördert u.a. mit dem Slogan „Highland Cattle sind vielseitig, Highland Cattle sind anpassungsfähig !“. Ich halte diesen Slogan für grundfalsch. Highland Cattle sind bestens angepasst an sehr spezifische Verhältnisse, was nicht bedeutet, dass sie generell anpassungsfähig sind und ohne Schaden zu nehmen gedeihen, wohin auch immer wir sie verpflanzen.  

III. Der Streicheltier-Faktor
Mit ihrem Exodus aus Schottland ging der Exodus der Rasse Highland aus ihrer Funktion und Verwendung in der Landwirtschaft einher. Es macht einen ganz wesentlichen Unterschied, ob ich Rinder halte oder ob die Rinder mich ( beruflich er-) halten. Sicher, es gibt große kommerzielle Highland-Herden in Schottland, auch in Nordamerika und Australien. Aber wenn wir uns auf unseren Mitgliederversammlungen umsehen, oder auch in diesem Raum, dann sehen wir alle möglichen interessanten Leute, die aus allen möglichen Gründen Highland Cattle halten, aber nur ganz wenige davon sind im eigentlichen und strengen Sinne Haupterwerbslandwirte. Und dementsprechend ist es nur eine kleine Minderheit der weltweiten Highland-Population, die überhaupt noch aus wirtschaftlichen Gründen gehalten wird und dieser Umstand hat erhebliche Auswirkungen auf die züchterischen Prioritäten und Strategien: das Erscheinungsbild und die Substanz der Rasse werden nicht mehr in erster Linie von ihren Leistungen unter härtesten Bedingungen und von ihrer Brauchbarkeit für eine extensive Landwirtschaft auf Grenzertragsstandorten geprägt. Mehr und mehr – und dies gilt ganz besonders für die letzten 30 Jahre – werden Highland Cattle von enthusiastischen und ehrgeizigen Nicht-Landwirten für andere enthusiastische und ehrgeizige Nicht-Landwirte gezüchtet usw. usw. usw. und das hat nur wenig mit dem wahren Leben zu tun. Was mich in diesem Zusammenhang berührt ist weniger die Tatsache, dass dieses Zuchtgeschäft etwa so funktioniert wie ein Kettenbrief, ein Kettengeschäft: das Geschäft machen immer die Ersten und die Letzten beißen die Hunde. Was mich in diesem Zusammenhang mehr beschäftigt ist der Umstand, dass je mehr die Rasse von der unausweichlichen Notwendigkeit befreit ist, ihre unsichtbaren robusten Fähigkeiten tagtäglich unter Beweis zu stellen, ihre Überlebenskünste und ihre ganz besondere landwirtschaftliche Brauchbarkeit, umso mehr wird all dies, was den Kern der Rasse ausmacht entbehrlich und vernachlässigbar und dann steht „the pretty picture“, das hübsche Bild, im Zentrum unserer züchterischen Bemühungen. Es ist eine Ironie dieser ganzen Geschichte – und es irritiert mich beträchtlich – dass ausgerechnet bei unserer Rasse, deren unbestrittenes Pfund immer schon das unsichtbare innere „genetische Bündel“ der Robustheit war, dass ausgerechnet bei dieser Rasse jetzt auf der Szene so mit der äußeren Erscheinung gewuchert wird. Es ist eine der praktizierten Ungereimtheiten auf dieser Szene, dass wir alle vorgeben, sehr wohl zu wissen, dass ein prämiertes Schautier keineswegs zwangsläufig ein gutes verlässliches Zuchttier ist und gleichwohl richten wir uns so oft in unseren individuellen Zuchtentscheidungen nicht nach dieser Erkenntnis.  

„Die Rasse hat sich bis zur Unkenntlichkeit verändert“

Als Ergebnis dieser „falschen Bewegungen“ lebt mithin die weltweite Highland-Population nicht mehr unter den Bedingungen, die die Rasse einst geformt haben und der größte Teil dieser Population unterliegt nicht mehr strengen landwirtschaftlichen Kriterien. Welchen Einflüssen auch immer die Rasse in den vergangenen 200 Jahren ausgesetzt war, nie waren es Einflüsse, die geeignet gewesen wären, dieses einzigartige genetische Bündel zu fördern und zu stärken, welches für den wesentlichen Kern der Rasse Highland und für ihre Unterschiede zu anderen Rassen verantwortlich ist. Highland Cattle sind heutzutage rein gezüchtet, gar keine Frage, und sie mögen eine der ältesten Rassen der Welt sein, aber sie sind nicht, wie ein beliebtes Wort nahe legt, „unverändert seit undenklichen Zeiten“. Die Rasse hat eine weite Entwicklung durchgemacht von den kleinen zottigen Tieren, die Reisende im 17. und 18. Jahrhundert auf ihren langen Zügen in den Süden Englands gesehen und beschrieben haben, zu den eindrucksvollen Tieren, die wir heute sehen. Es wurde gesagt, die Rasse habe sich bis zur Unkenntlichkeit verändert und diese Feststellung bezieht sich auf die äußere Erscheinung, Rahmen, Fleischansatz, Einheitlichkeit. Ich bin überzeugt davon, – und anders ist es auch gar nicht denkbar – dass diese Veränderungen nicht nur phänotypische Aspekte betreffen, sondern wesentliche Anteile der genetischen Ausstattung. Ich befürchte, dass jeder kleine Schritt vorwärts auf dem Weg zu dem, was wir heute sehen, in Bezug auf die ursprüngliche Robustheit mit einem kleinen Schritt rückwärts bezahlt wurde. Es ist anders nicht denkbar, denn erstens gibt es nur wenige Züchter, die durchgängig gleichermaßen selektieren auf Härte und Leistung und zweitens gibt es bei der Quadratur des Zirkels Grenzen: Zuchtziele wie mehr Rahmen, mehr Gewicht, Frühreife, magere Schlachtkörper laufen Zuchtzielen, die in ihrer Gesamtheit die Robustheit ausmachen zum Teil genetisch diametral zuwider. Alles zugleich geht nicht.  

Haustierzucht ist ein anhaltender Prozess und wir tragen Verantwortung

Ich hatte Sie eingangs gebeten mit mir zusammen einen Blick auf die Situation der Rasse Highland zu werfen und mir in einigen Überlegungen zum Stand der Dinge zu folgen. Ich habe versucht, Ihnen darzustellen, wie ich die Situation unter dem Gesichtspunkt der inneren Unversehrtheit der Rasse sehe und einige von Ihnen mögen sich inzwischen fragen, ob ich möglicherweise unter Zwangsvorstellungen leide. Ich habe mich das gelegentlich auch schon gefragt, aber ich denke, es ist nicht zwanghaft, sondern es ist wichtig. Es ist wichtig, denn der lange Prozess der Domestikation und Herausbildung von Haustierrassen ist ja nicht abgeschlossen und wir sind, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist, ein Teil dieses Prozesses. Einige tausend Jahre lang war dies ein sehr langsamer Vorgang. Das Rindvieh, das sich im Zuge verschiedener Völkerwanderungen und historischer Umwälzungen in Europa, Afrika, Asien ausbreitete, differenzierte sich entsprechend den verschiedenen neuen Standorten sehr langsam in zahllose lokale Rassen und Landschläge. Dieser Vorgang hat in den letzten 200 Jahren enorm zugelegt an Geschwindigkeit und Umfang und Veränderungen, die vorher hunderte von Jahre brauchten ereignen sich jetzt innerhalb weniger Jahrzehnte. Man sehe sich als Beispiel die erfolgreichste Milchviehrasse der Welt an: es ist noch nicht so lange her, da produzierten die alten Schwarz-Bunten, die Vorfahren der modernen Holstein-Friesians, so um die 5000 Liter Milch pro Jahr, heute ist es leicht doppelt so viel. Globalisierung hat das „Becken“ kleiner gemacht, moderne Zuchttechnologie hat die „Bewegungen“ effektiver gemacht und entsprechend schlagen die „Wellen“ höher. Aus all den Gründen, die ich versucht habe aufzuführen, kann dieser Vorgang für die Rasse Highland nur eine langsame innere Erosion bedeuten und wie klein auch immer unser eigener Beitrag hierzu sein mag, es ist an uns, mit dem Strom zu schwimmen oder den Versuch zu machen, dagegen zu schwimmen.  

Gordon Kohl forderte, „… dass wir dieses einzigartige genetische Bündel pflegen müssen und die Robustheit der Rasse fördern „ und er warnte uns davor, „ … mit den anderen Rassen auf deren ureigenem Gebiet in Wettbewerb zu treten“. Genau dies aber geschieht nur allzu oft. Und G. Kohls Warnung ist deshalb so außerordentlich gewichtig, weil es nicht nur dumm und aussichtslos ist, den Vorsprung, den andere Rassen haben aufholen zu wollen, sondern weil wir bei dem Versuch dies zu tun zwangsläufig all die besonderen Vorteile, die wir unsererseits über die anderen Rassen haben, mehr und mehr verlieren.  

Hat ein lebender Anachronismus wie Highland Cattle einen Platz im 21. Jahrhundert ?

Es stellt sich natürlich die Frage „Wer braucht denn diese besonderen Vorteile der Rasse Highland? Wer braucht diese Robustheit beim Rindvieh? Wer braucht robuste Rinder, wenn man sich deren offensichtliche Unzulänglichkeit für eine moderne Landwirtschaft vor Augen hält?“. Es stellt sich die Frage „Gibt es in der heutigen Landwirtschaft einen Platz für einen lebenden Anachronismus wie Highland Cattle? Welche Rolle kann die Rasse im 21. Jahrhundert noch spielen?“.  

Ich habe jetzt einen sehr weiten Bogen geschlagen um schließlich mit Ihnen wieder auf die Ausgangsfrage der heutigen Sitzung zurück zu kommen – und ich danke Ihnen für Ihre Geduld und Ausdauer. Ich habe diesen weiten Bogen geschlagen, um auf den Grund dieser Frage zu kommen, einer „merkwürdigen“, einer „bangen“ und, wie wir jetzt sehen, einer mutigen Frage.

Ja, ich denke die Rasse Highland kann auch heute noch eine Rolle spielen. Auch wenn man die angesprochenen grundlegenden Änderungen in der landwirtschaftlichen Infrastruktur und Technologie bedenkt und auch die dramatischen Änderungen, die die Rasse selbst erfahren hat, so gibt es doch immer noch Standorte, auf denen andere Rassen als Highland Cattle nicht glücklich sind und gedeihen. Zumindest nicht ohne einen unverhältnismäßigen zusätzlichen Aufwand an Arbeit, Futter, Stallgebäuden. Ich spreche von den weniger begünstigten Standorten im schottischen Hochland und auf den Inseln, von Teilen Nordenglands und Wales, wo nasse und windige Berge und Moore vorherrschen. Auf dem europäischen Festland und Skandinavien gibt es relativ wenige Standorte, die dem ähneln und die zur Nutzung auf eine ganz spezifisch adaptierte Rinderrasse angewiesen wären. Die meisten Standorte, an denn unsere Rinder heute in Europa gehalten werden, sind unter landwirtschaftlichen Gesichtspunkten an Highland Cattle verschwendet. Ich bin nicht kompetent, über Nordamerika, Australien, Neuseeland zu sprechen und ich vermute, dass außerordentlich unterschiedliche topographische, geologische und klimatische Gegebenheiten einige Standorte für Highland Cattle geeignet mache und viele andere nicht. Kurz gesagt: überall dort, weltweit, wo wir typisch schottische Verhältnisse vorfinden, dort haben Highland Cattle auch heute noch einen Platz in der Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts. Nur an solchen Standorten ist die Robustheit, die noch in ihnen steckt, gefordert und nur hier ist es noch unverzichtbar, züchterische Schwerpunkte auf diese robusten Eigenschaften zu legen. Es mag als eine lachhaft selbstverständliche Feststellung erscheinen, dass Highland Cattle ihren Platz dort haben, wo Klima und Bodenverhältnisse schottisch sind, ganz offensichtlich ist es das aber nicht. Und es gibt ungeheure Flächen mit schottischen Verhältnissen – nicht nur in Schottland und England – die einst landwirtschaftlich genutzt wurden und jetzt verlassen sind, Flächen auf denen Sukzessionen stattfinden, die von Schafen nicht bewältigt werden können und die zu einer dramatischen Abnahme der Artenvielfalt führen. Es sind solche Standorte und nur solche Standorte, auf denen die langsame Metamorphose unserer Rasse, das langsame Vergehen der traditionellen Robustheit und der alten Überlebenskünste, der schleichende Vorgang, der die genetischen Unterschiede zu anderen „verbesserten“ Rassen nivelliert, wenn schon nicht umgedreht, so doch wenigstens verlangsamt werden kann.  

Auf solchen Standorten also kann die Rasse Highland durchaus auch heute noch eine Rolle spielen oder, besser gesagt, zwei Rollen: zum einen in traditioneller extensiver Landwirtschaft. Dies ist schwieriger, mühseliger und weniger profitabel, als anderswo und muss aus diesem Grund besonders unterstützt werden. Die wirtschaftlich vermutlich wichtigste Rolle spielen Highland Cattle hierbei als Ausgangspunkt für profitable Kreuzungszucht. Ich will hier nicht auf Einzelheiten dieses faszinierenden Kapitels schottischer Berg- und Insellandwirtschaft eingehen – hier führt eine Produktionskette von den denkbar rauesten Bedingungen langsam bergab durch alle Stufen landwirtschaftlicher Intensität – vielleicht werden wir morgen mehr darüber hören. Worauf ich an dieser Stelle nur hinweisen möchte ist, dass Kreuzungszucht natürlich nicht nur die reinrassige Highland-Kuh als Ausgangspunkt braucht, sondern, damit der Heterosiseffekt voll zum Tragen kommt, eine möglichst weite genetische Distanz zwischen den Ausgangsrassen und somit eine ganz traditionelle, nicht hochgezüchtete „unverbesserte“ Highland-Kuh.  

Und die zweite Rolle, die Highland Cattle auf dieser Sorte Standort spielen können, ist ihr Einsatz in großflächigem Natur- und Landschaftsschutz. Der Nutzen hier ist wechselseitig: der innere Kern der Rasse Highland kann auf lange Sicht nur überleben, wenn er auf die beschriebene Weise genutzt wird und andererseits werden die betreffenden Habitate ohne die Hilfe von spezifisch geeigneten großen Herbivoren zu biologischen Wüsten degenerieren. Diese Tatsache wird von Naturschützen in den letzten zehn/zwanzig Jahren zunehmend anerkannt.  

Ich finde es interessant und erwähnenswert, weil es meine Sichtweise zu unterstützen scheint, dass die großen Naturschutzprojekte, von denen ich gehört oder gelesen habe oder die ich besucht habe, stets Wert darauf gelegt haben, ihre Herden mit Zuchttieren aus traditioneller Hebriden- und Westküstenzucht zu begründen.  

Hier also, um es zusammenzufassen, haben Highland Cattle in meinen Augen auch im 21. Jahrhundert noch eine Rolle zu spielen, in der sie so, wie sie – noch und mit Einschränkungen – sind gebraucht und genutzt werden; eine Rolle, in der sie tun, was nur sie können; eine Rolle, in der die Rasse nicht von weiterer innerer Erosion bedroht ist.  

Ich spüre, nachdem ich Ihnen dies alles vorgetragen habe – und ich komme zum Ende meiner Ausführungen – eine gewisse Irritation im Raum. Sie fragen sich: „ Und wie passen Sie denn, wie passe ich selbst, wie passen meine Tiere in dieses Bild?“ Ich habe mir als Hobby-Züchter diese Frage mehr als einmal gestellt. Nicht ganz zu Beginn meiner Züchterkarriere, denn damals war ich sehr von mir überzeugt, voller Ehrgeiz und hochfliegender Ideen. Ganz langsam aber schlich sich der eine oder andere Zweifel ein und mit zunehmender Altersweisheit habe ich mich von solchem selbstbezogenen Ehrgeiz und einigen hochfliegenden Ideen verabschiedet. Sofern es nicht nur darum geht, reinrassige typvolle Highland Cattle zu züchten, sondern wo es um eine Zucht geht, die zum Besten der Unversehrtheit des Kerns der Rasse ist, da passe ich nicht und da passt meine Zucht nicht in das Bild. Als Hobby-Züchter auf den üppigen Weiden Niedersachsens kann ich der Rasse nicht das bieten, was sie zur Aufrechterhaltung ihrer Robustheit auf lange Sicht braucht.  

Werde ich deswegen meine Highland-Zucht aufgeben? Nein, das werde ich nicht. Dazu bin ich zu alt und ich liebe meine Tiere und was ich tue. Aber das Gefühl der eigenen Wichtigkeit hat sich geändert, der missionarische Eifer hat sich gelegt und die Perspektiven und die züchterischen Regeln haben sich geändert gegenüber denen vor zwanzig Jahren.  

Ich bin mir sicher, dass viele von Ihnen dem, was ich hier vorgetragen habe, nicht so ohne weiteres werden zustimmen können. Hier sind heute schätzungsweise 200 Leute im Raum und das macht 200 absolut gültige und wohlbedachte individuelle Gründe Highlands zu züchten und es liegt mir fern, ein Spielverderber sein zu wollen oder anderen Leuten Vorträge zu machen, was sie tun sollen. Vielleicht aber fällt Ihnen ja eines Tages der eine oder andere Gedanke, den ich heute geäußert habe, unvermutet wieder ein und Sie denken noch einmal darüber nach – das wär´s eigentlich, was ich mir erhoffe.

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