ZUCHT AUF HOHE LEBENSLEISTUNG Grundsätze einer naturgemäßen Rinderzucht

Univ. Prof. Dipl.-Ing. Dr. Alfred HAIGER
(war 27 Jahre Professor für Tierzucht an der Universität für Bodenkultur, Wien)  

Langfristig ist nur ökonomisch, was ökologisch ist.
Ökologische Begründung

Unverzichtbare Voraussetzung für menschliches Leben sind grüne Pflanzen und die natürliche Bodenfruchtbarkeit. Schon in der Antike wussten die Griechen, dass Erde, Wasser, Luft und Feuer (Sonne) die vier Elemente des Lebens sind. Zur Verwertung der Grünlanderträge und rohfaserreichen Nebenprodukte des Ackerlandes ist der „Wiederkäuermagen“ als fünftes Lebenselement ebenfalls unverzichtbar.

Aus ökologischer Sicht sind die Wiederkäuer besonders hervorzuheben, weil sie die gespeicherte Sonnenenergie der Gräser, Leguminosen und Kräuter durch das hochspezialisierte Vormagensystem mittels Kleinstlebewesen (Mikroorganismen) nutzen können. Für den biologisch wirtschaftenden Hof sind die Leguminosen auch unentbehrliche Stickstoffsammler und für die Rinder sind es hervor-ragende Futterpflanzen. Die Besonderheit der „Grasfresser“ liegt daher in der Tatsache begründet, dass sie auch in Energie-Mangelzeiten (= Getreideknappheit) keine Nahrungskonkurrenten des Menschen sind, wie das für Schwein und Geflügel als „Körnerfresser“ der Fall sein kann.

Die landwirtschaftlichen Nutztierarten unterscheiden sich aber nicht nur in den verschiedenen Futteransprüchen, sondern auch in ihrer Effektivität Futterstoffe in Lebensmittel umzuwandeln. Aus 1.000 g Futtereiweiß erhält man von Kühen mit 20 kg Tagesleistung etwa 270 g Milcheiweiß, von einem Maststier nur 110 g Fleischeiweiß. Die Milcherzeugung ist demnach mindestens doppelt so effektiv wie die Rindermast.

Das Grünland ist als Dauerkultur mit 40 bis 60 verschiedenen Pflanzenarten gegenüber den Acker-kulturen – insbesondere der Maismonokultur – ein hervorragender Erosions- und Grundwasser-schutz und wird hinsichtlich der natürlichen Bodenfruchtbarkeit nur von einer gärtnerischen Kompostwirtschaft übertroffen (wenn dafür ein strohreicher Rindermist zur Verfügung steht). Diese Vorzüge des Grünlandes gehen allerdings verloren, wenn durch übertriebene Intensivierungsmaßnahmen (z.B. mehr als 700 kg Kraftfutter pro Kuh und Jahr) die Artenvielfalt drastisch abnimmt und es zu einer starken Verunkrautung kommt (Gülleflora).

Das Rind hat als Milch- oder Mutterkuh für die Grünlandgebiete eine weitere ökologisch und ökonomisch unverzichtbare Bedeutung als „Pfleger“ der Kulturlandschaft. In den grünlandstarken Landesteilen sind das satte Grün der Wiesen, die bunte Blumenpracht, die friedvoll weidenden Kühe und die bäuerlichen Siedlungsformen das, was die erholungsbedürftigen Menschen suchen. Die Schlussfolgerung eines international besetzten Kongresses im Berggebiet lautete daher: „Zuerst geht die Kuh, dann kommt der Wald und kommt dieser im Übermaß, so geht auch der Mensch.“

Welche nachteiligen Folgen es für den „Gesundheitswert“ der Milch und des Fleisches von Wieder-käuern hat, wenn aus betriebswirtschaftlichen Gründen immer mehr Gras aus der Futterration verdrängt wird, zeigt die Fettzusammensetzung. Die Pansenmikroben haben nämlich auch die Fähigkeit, für den Menschen lebensnotwendige (essentielle) Fettsäuren zu bilden, die im Fett der Milch und des Fleisches eingelagert werden. Zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten des letzten Jahrzehntes zeigen, dass bei Weidehaltung bzw. Heu-Grassilagefütterung gegenüber einer Maissilage-Kraftfutterration der Gehalt dieser ungesättigten Fettsäuren (Omega3 und konjugierte Linolsäure = CLA) um ein Mehrfaches höher ist.

Zuchtgrundsätze: Züchten heißt in Generationen denken.

Haustiere stammen von Wildtieren ab, die in einem Jahrmillionen dauernden strengen Ausleseprozess, der Evolution entstanden sind. Jeder Organismus zeichnet sich daher durch zahlreiche wohl aufeinander abgestimmte Stoffwechselprozesse aus, die durch körpereigene Wirkstoffe (Enzyme und Hormone) und umweltbedingte Faktoren in Form von Regelkreisen gesteuert werden. Die äußerlich sichtbaren Eigenschaften (Körpermerkmale, Leistungen und Verhaltensweisen) eines Tieres können daher als Spiegelbild seiner Erbanlagen unter den gegebenen Umweltverhältnissen aufgefasst werden. Die verschiedensten Stoffwechselprozesse laufen in einem gesunden Organismus aber nicht wahllos nebeneinander ab, sondern nach einer ebenfalls genetisch bedingten zeitlichen und räumlichen Über- bzw. Unterordnung, einer sogenannten Hierarchie. Man kann daher kein lebenswichtiges, hierarchisch hochstehendes Merkmal ändern, ohne nicht gleichzeitig auch andere zu beeinflussen. Daraus lassen sich folgende Zuchtgrundsätze ableiten:

Neben einer hohen Grundfutterleistung ist für die Wirtschaftlichkeit der Milchkuhhaltung die Nutzungsdauer von großer Bedeutung. In mehreren ökonomischen Arbeiten über die Nutzungsdauer wird für biologisch wirtschaftende Betriebe mit niedrigem Kraftfuttereinsatz der Schluss gezogen, dass mindestens 6 Laktationen (besser 9) erreicht werden sollen, um eine entsprechende Rentabilität zu erreichen.

Die Lebensleistung ist ein „natürlicher“ Selektionsindex. Soll sich trotz steigender Milchleistung die Fitness (Fruchtbarkeit und Lebenskraft) nicht verschlechtern, so dürfen im Zuchtziel nur solche Merkmale berücksichtigt werden, deren Stoffwechselprozesse sich gegenseitig zumindest nicht hemmen, sondern womöglich fördern. Die schwierige Aufgabe der langfristig richtigen Gewichtung vieler Einzelmerkmale für den Selektionsentscheid wird „naturgemäß“ am besten gelöst, wenn nach einem „Wert“ ausgewählt wird, der alle lebensfördernden Merkmale so zusammenfasst, dass die Nachkommen überdurchschnittlich langlebig und leistungsstark sind, und das ist die Lebensleistung.

Zytoplasmatische Vererbung: Nach heutigem Wissensstand gibt es außer auf den Chromosomen des Zellkerns, auch in den sogenannten Mitochondrien des Zellplasmas (=Zytoplasma) Erbanlagen (Gene). Da in den Mitochondrien der Energiestoffwechsel stattfindet, sind diese Erbanlagen von erstrangiger Bedeutung. Das Besondere an der Weitergabe dieser Gene liegt darin, dass die sehr kleinen Samenzellen kein Zellplasma und damit auch keine Mitochondrien enthalten. Nachdem also diese „Art von Genen“ nur über die Eizellen weitergegeben werden, haben alle Individuen einer Kuhfamilie dieselben mitochondrialen Erbanlagen.

Schlussfolgerungen

Für die Arbeitsgemeinschaft österreichischer Lebensleistungszüchter (AöLZ) ist daher das erste und wichtigste Auswahlkriterium für einen Zuchtstier die Kuhfamilie in der hohe Lebensleistungen gehäuft vorkommen! Hat er dann später eine Zuchtwertschätzung aufgrund von Töchterleistungen, wird zuerst nach der Fitness (Nutzungsdauer, Persistenz, Zellzahl) gereiht und innerhalb solcher Stiere nach der Fett- und Eiweißmenge. Dem Fleischwert wird in der Milchrinderzucht keine große Bedeutung beigemessen. Es sollte allerdings auch nicht gegen „Fleisch“ selektiert werden, wie dies in Nordamerika und inzwischen auch in allen „Hochzuchtländern“ bei den milchbetonten Nutzungs-richtungen üblich ist.

Literaturhinweis:
HAIGER, A. (2005):
Naturgemäße Tierzucht bei Rindern und Schweinen.
Österr. Agrarverlag, Wien.
ISBN 3-7040-2073-7,
€ 19,90.
(Bestellung über BIOLAND € 15,–)

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