Zuchtverbesserung – Was tut der Rasse Highland gut?

Das Größte für jeden Highlandzüchter ist es, den Siegerbullen auf einer größeren Schau hervorzubringen. Als Qualitätsmerkmal einer hervorragenden Herde gilt es, viele „Bullenmütter“ zu haben und jeder Käufer einer prämierten Siegerfärse freut sich in Gedanken schon auf den Superbullen, den er mit dieser Granate mal züchten will. Nicht nur in Deutschland ist der Bulle verbreitet das Leitbild der Zucht und wann immer in einer züchterischen Sonntagsrede Fortschritte in der Zucht begrüßt werden oder ihr Ausbleiben beklagt wird, stets gipfeln diese Betrachtungen auch unter Highlandzüchtern in einem Satz, von dem man befürchten muss, dass er tatsächlich häufig der züchterischen Weisheit letzter Schluss ist: „ Der Bulle ist die halbe Herde.“

 

Als nüchterne Feststellung ist dieser Satz so unbestreitbar richtig, wie er banal ist. ( Auch an Banales muss mitunter erinnert werden.) Wenn aber aus dieser Feststellung unter der Hand ein züchterisches Leitbild und Credo geworden ist, wenn sich die Perspektive auf den Superbullen verengt und wenn demzufolge auf der weiblichen Seite die als „Bullenmutter“ eingestufte Kuh das anzustrebende Zuchtziel darstellt, dann lässt sich vermuten, dass sich hier eine für die Highland-Zucht problematische Zuchtvorstellung breit gemacht hat und ich möchte versuchen, im Folgenden auszuführen, was daran problematisch ist. Soviel vorab: aus gutem Grund ist das traditionelle Leitbild der Highlandzucht die funktionale Kuh und die ist in den meisten Fällen ein ganz unspektakuläres Tier.

 

I. Vorbemerkungen

 

Highland Cattle sind eine Fleischrinderrasse

 

In Deutschland ist uns der Unterschied zwischen Umsatztypen und Ansatztypen, zwischen Milchvieh und Fleischrindern geläufig. Dieser Unterschied kommt dadurch zustande, dass der Hauptnutzungsanspruch – Milch/Fleisch – züchterisch über lange Zeit hinweg so ausschließlich die Selektion bestimmt hat, dass eine genetisch fixierte Spezialisierung resultierte. Wir wissen, dass dies eine züchterische Entweder Oder Entscheidung ist: Bemühungen um höhere Milchleistung erzwingen Abstriche bei der Fleischleistung und umgekehrt, beides zugleich ist nicht zu haben. Mit einer gewissen Berechtigung zählen wir Highland Cattle zu den Fleischrinderrassen, weil dies seit langer Zeit tatsächlich ihre praktisch ausschließliche Nutzung ist.

 

Highland Cattle sind Extensivrinder

 

Weiterhin geläufig ist uns die Unterscheidung in sogenannte intensive und extensive Rassen. Die intensiven Spezialrassen auf der einen Seite
wurden durch Selektion auf das Merkmal „hohe und frühe Fleischleistung unter optimalen Futter- und Haltungsbedingungen“ aus den früheren Mehrnutzungs-Landschlägen herausgezüchtet. Die extensiven Spezialisten dagegen sind weniger das Produkt züchterischer Bemühungen, als vielmehr das Entwicklungsergebnis Jahrhunderte langer Adaptation an extreme Klima-, Haltungs- und Futterbedingungen, Überbleibsel aus der Vorzeit moderner Rinderzucht, wenn man so will. Entscheidend für die Zuordnung zu einer intensiven oder extensiven Rasse sind nicht die aktuellen Haltungsbedingungen, sondern die Art und Weise, wie die Tiere auf entsprechende Haltungsbedingungen reagieren: Charolais setzen unter Mastbedingungen Fleisch an, Highland Cattle verfetten. Highland Cattle dagegen gedeihen noch, wo andere Rassen Schwierigkeiten haben, überhaupt zu überleben.

 

Highland Cattle sind eine weibliche Rasse

 

Nicht geläufig ist und in Deutschland die Unterscheidung in „Terminal Sire Breeds“ und „Female Breeds“ und in dieser Gegenüberstellung lässt sich am besten herausarbeiten, was das Besondere und auch heute noch wirtschaftlich interessante an der Rasse Highland sein kann.

 

Als Terminal Sire wird in Großbritannien, wo gezielte Kreuzungszucht eine lange Tradition hat, der Bulle bezeichnet, der in einer Kreuzungszucht, insbesondere in einer Mehrfachkreuzung, dem Endprodukt die letzte optimale Fleischfülle, Frühreife, Mastfähigkeit verleiht. Bei diesem Endprodukt kommt es bei beiden Geschlechtern nicht auf Langlebigkeit an, nicht auf Robustheit, gute Muttereigenschaften und Milchreichtum, sondern in allererster Linie darauf, dass die Kälber unter optimierten Bedingungen möglichst schnell die Schlachtreife erreichen.

 

Während der Terminal Sire, ein Bulle also, der einer Rasse angehört, die züchterisch auf diese maskulinen Eigenschaften hingetrimmt ist, am Ende dieser Kreuzungskette steht, so steht am Anfang dieser Kette eine Kuh,
die einer „weiblichen Rasse“ angehört. Bei dieser Kuh steht im Vordergrund, dass sie in der Lage ist, an einem klimatisch, geologisch und vom Futterangebot her ungünstigen Standort, der anderweitig nicht nachhaltig landwirtschaftlich nutzbar ist, eine Leistung zu erbringen, die andere Rinderrassen nicht erbringen können: jedes Jahr ein gesundes Kalb abzusetzen. Diese Kuh muss robust und leichtfüßig sein, sie muss eine hohe Effizienz der Raufutterkonversion haben, die sie instand setzt, aus minderwertigem Raufutter Milch zu produzieren, die eigene Körperkondition zu halten und zugleich die nächste Abkalbung vorzubereiten und sie muss langlebig sein, d.h. niedrige Remontierungskosten verursachen. All dies als genetisch fixierte Eigenschaften.

 

Fußnote zur Kreuzungszucht:

 

Die Quadratur des Kreises

Die in Schottland bewährte Kreuzungszucht sieht etwa so aus: Highland Kuh X White Shorthorn Bulle. Die F1-Bullkälber sind wüchsiger und fleischiger, als die reinrassigen Highlands und eignen sich für extensive Weidemast auch auf karger Standorten, die weiblichen F1-Tiere ergeben die schottische hill-cow, die den reinrassigen Highland-Kühen in bezug auf Robustheit und Muttereigenschaften in Nichts nachsteht, aber ihrerseits einen kontinentalen Terminal Sire verkraftet. Die F2-Kreuzung mit einem Limousin- oder Charolaisbullen erbringt dann bereits ein mastfähiges Endprodukt auf der Grundlage einer immer noch extensiv zu haltenden Mutterkuh. Eine Alternative ist eine F2-Kreuzung mit einem Simmentalbullen und das weibliche Ergebnis ist eine milchreiche Mutterkuh mit höheren Ansprüchen an Futter und Haltungsbedingungen, die dann auf besseren Standorten etwa im Süden Englands erfüllt werden müssen. Diese Kuh kann nun problemlos mit jedem Terminal Sire gepaart werden, so dass in dieser Dreirassenkreuzung beflügelt vom Heterosiseffekt innerhalb von nur drei Generationen tatsächlich ie Quadratur des Kreises, die mit einer Spezialistenrasse nicht geht, erreicht wird: extensive Nutzung des Extremstandortes schottisches Hochland für eine intensive Rindfleischproduktion, die Kombination von extremer Robustheit, Milchreichtum und optimalem Fleischansatz.

 

Eine Voraussetzung hierfür ist natürlich die Reinzucht. Eine weitere Voraussetzung, dafür nämlich, dass der Heterosiseffekt zum Tragen kommt, ist, dass die möglichst große genetische Distanz der Rassen untereinander Verhalten bleibt. Es ist witzlos, Highlands mit Galloways zu kreuzen und ebenso witzlos Charolais mit Limousin zu kombinieren, weil sie jeweils auf Dasselbe spezialisiert sind.

 

Highland Cattle sind SpezialistenHolstein-Friesians geben am meisten Milch, Charolais sind die schwersten Rinder, Blande d`Aquitaine sind Spezialisten für Schwergeburten und Kaiserschnitte, Eringer sind Spezialisten für Kuhkämpfe und spanische Kampfstiere Spezialisten für die Corrida. Highland Cattle sind auch Spezialisten: Spezialisten für anhaltend nasses und kaltes und windiges Wetter, für unwegsames und steiles, mooriges und steiniges Gelände, für armseliges Futter auf Mooren und Heideflächen.

Der dümmste Werbeslogan der Highland Cattle Society aus den 1970er Jahren hieß: “Highland Cattle are versatile“, was bedeuten sollte, dass Highlander sich an jedes Klima, an jedes Futter und jede Haltungsform erfolgreich anpassen können, sich wohl fühlen und Leistung bringen. Highland Cattle sind eben nicht die idealen Allrounder und auf den allermeisten Standorten in Deutschland leistet nahezu jede beliebige Kreuzungskuh mehr als reinrassige Highland Cattle.

 

Exkurs:

 

The breed must be suited to the climate or it will not thrive (W.Youatt) (Die Wahl der Rasse muss sich nach dem Klima, dem Standort richten, ansonsten wird sie nicht gedeihen.) Das sind doch alles Binsenweisheiten, mag man einwenden, und was hat das mit dem Thema zu tun? Es sind in der Tat Bnsenweisheiten, aber Binsenweisheiten gehören durchaus zu den nicht zu erschmähenden geistigen Grundnahrungsmitteln und auf das Thema werde ch zurückkommen. Zunächst aber noch zu den Binsenweisheiten: die Feststellung, dass Highland Cattle extensive Fleischrinder und Spezialisten für schottisches Wetter und Gelände sind kann nicht ernst genug genommen werden. Wer je Gelegenheit hatte, die steinige steile moorige Unwegbarkeit in den abgelegenen Tälern des Hochlandes zu erleben, wer je im Februar vor von peitschenden Westwinden getriebenem kaltem Regen auf den westlichen Inseln Schutz gesucht hat, wer sich je vor Ort klar gemacht hat, wie kurz die Vegetationsperiode ist, wie wenig Futter die Moore und die steinigen Hänge hergeben und wie schwer es auch heute mit schlagkräftiger Technologie noch sein kann, hier ordentliches Winterfutter zu bergen, der kann ermessen, wie sehr der erste Hauptsatz der Rinderzucht : „Die Rasse muss zum Klima und Standort passen.“ für diesen Standort und für diese Rasse unverändert Gültigkeit hat. Nur eine Rasse, die das wollige Unterfell und das lange Deckhaar der Highlander hat kann diese anhaltende nasse Kälte überleben. Nur eine Rinderrasse, die in der Lage ist, die kurze Vegetationsperiode zur Anlage von – schlachtkörpertechnisch unerwünschten – Fettdepots zu nutzen kann hier überleben und gedeihen. Nicht das genetisch fixierte Merkmal Frühreife ist an diesem Standort abrufbar und dem Überleben der Population nützlich, sondern das Merkmal Langlebigkeit. Nicht ein möglichst hohes Endgewicht des erwachsenen Tieres entspricht der genetisch optimalen Anpassung an diesen Standort, sondern lebenslange Agilität auf vier Beinen – auch und gerade beim Deckbullen. Nur eine überlegene Fähigkeit zu Rauhfutterkonversion, zur Nutzung von energiearmem, hartem, strukturreichem Aufwuchs sichert hier Überleben, Gedeihen und Fortpflanzung und auch diese Fähigkeit hat eine genetisch fixierte Grundlage. Ich bitte an dieser Stelle darum, diese Binsenweisheiten sehr intensiv aufzunehmen und auch schon etwas wiederzukäuen, zur weiteren Verdauung werden wir noch kommen.

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